Die Kirchenburgen in Herrmannstadts Nähe

Unseren vorletzten Tag wollten wir noch so bewusst wie möglich erleben, aber auf der anderen Seite nicht mehr so weit fahren. Vor allem nach der Fahrt am Vortrag zum Transfaragasan und zurück hatten wir genug. Gleichzeitig verspürten die Kinder sich ein wenig länger im Zimmer beim Spielen aufzuhalten. Besonders Sven hat die ganzen Reisetage hindurch immer wieder am Morgen und Abend dringend seine 6 mitgebrachten Autos bespielen müssen.

So ließen wir uns an dem Tag also treiben und starteten erst gegen 10 Uhr unsere kleine Tour Richtung Nordwesten von Herrmannstadt. Die Hinfahrt über ca. nur 1 h verbrachten wir auf der Autobahn – welch Entspannung! Bald fanden wir unser erstes Ziel für diesen Tag, die Kirchenburg Calnic / Kelling. Und nachdem wir uns an diesem Tag treiben ließen ergab sich bereits hier ein netter Zufall, dass bereits weitere Besucher vor verschlossener Türe standen und mit jemandem telefoniert hätte, die gleich aufsperren würde. Gesagt getan, wir durchquerten das große Tor und durchschritten einen langen Gang und fanden eine sehr schön restaurierte Kirchenburg vor, die sehr liebevoll gepflegt ist. Der Innenhof ist eine Ruine, die mit Rasen, kleinen Büschen und Rosen bepflanzt ist. Ebenso stehen rund um den Brunnen blühende Töpfe. Im Weinkeller wird immer noch gekeltert, die Kirche ist renoviert und in Takt (aber nicht in Benutzung, da es keine Siebenbürger Sachsen mehr im Ort gibt). Auf den Aussichtsturm kann man hoch steigen. Teilweise stehen noch am Rande der Mauer die Wohnhäuser. Der äußere und innere Befestigungsring sind noch in Takt. In einem weiteren Turm ist ein kleines Museum eingerichtet. In Summe, eine sehr schöne Wehranlage, die mit viel Liebe gepflegt wird.

Bevor wir den weiteren Weg antraten folgten wir zu Fuß noch dem Schild zu einer evangelischen Basilika, die ein wenig weiter den Weg hinter sein soll. Mit offenem Mund vor Erstaunen standen wir sogleich vor einem alten Friedhof der Siebenbürger Sachsen, der wenig gepflegt bis verwahrlost ist. Ein Trampelpfad und einige neuere Grabsteine zeugen davon, dass der Friedhof noch begangen wird. Ob es wohl doch noch Sachsen hier gibt? Die Basilika ist geschlossen und verrottet sichtbar vor sich hin. Sehr schade!

Dies sollte jedoch nicht die einzige schlecht erhaltene Kirche an diesem Tag bleiben. Als wir uns wieder gefasst hatten, fuhren wir weiter ein Stück Richtung Herrmannstadt. Laut Angaben sollte es in Dobarca eine weitere Kirchenburg geben. Was wir vorfanden war eine in sich zerfallene Kirchenburg, die wohl als Kuhstall verwendet wird. Auch wenn wir keine Historiker sind, uns blutete das Herz welche Zerstörung hier mit jedem Kuhfladen und Regenguss hier mehr wurde. Im Internet fanden wir eine Initiative, die diese Burg – und andere – retten möchte. Ob die Zeit wohl noch reichen wird?

Am Rande: Christina war diesem kleinen, leicht verlassen wirkendem Ort erstmals etwas verschlossen gegenüber. Auf der Wiese an der Hauptstraße lagen einige Männer und Kinder, alle wirkten gut genährt. Wir irrten auf der Suche nach der Burg an ihnen vorbei. An unserem Auto und Verhalten war uns die Verwirrung nahezu auf das Autokennzeichen geschrieben. Auf einem reichlich steinigen Weg folgten wir dem Weg bis zur Kirchenburg. Als wir parkten fuhr ein kleines Auto mit mindestens 2 Männern hinter uns vorbei. Christina war misstrauisch und glaubte nicht recht, dass dies Zufall sei. Der Besuch in der Kirchenburg dauerte nicht lange und Christina war froh das Auto in heilem Zustand wieder vorzufinden. Der Weg zurück zur Hauptstraße ging ähnlich schlecht über viele Steine. An der Kreuzung sah uns einer der Männer, der gerade vor uns kreuzte und wies uns mit der Handbewegung darauf hin, dass wir bei dem Fahrwinkel zur Straße aufsitzen werden. Oliver korrigierte daraufhin den Winkel. Ein Junge uns gegenüber lächelte uns an und gab uns einen “Thumb up”. Christina fühlte sich schäbig! Wieder einmal sind wir offen und herzlich behandelt worden.

Zurück zu unserer Tour: Immer noch hatten wir viel Zeit bis zum Abend und so suchte Christina während der Fahrt auf der Nebenstraße Richtung Herrmannstadt nach Sehenswerten. Und da war sie schon unsere nächste Kirchenburg: Cristian / Grossau. Es war gegen 14 Uhr und zufällig endete um diese Uhr die Mittagspause. Auf dem Weg zum Portal grüßte ein älterer Mann freundlich auf Deutsch und animierte uns bei der Telefonnr. anzurufen. Beim 2. Versuch klappte es und Maria schickte nach einigen Minuten Arbeiter vorbei. Mit uns warteten mittlerweile 2 weitere junge Pärchen. Der eine junge Mann war hier 2013 Zivi und konnte so den Kontakt in rumänischer Sprache zu dem Arbeiter aufbauen. Wir durften uns in der großen Kirchenburganlage frei bewegen, gingen in den Speckturm, in dem tatsächlich Salami und Speck hängt, dazu gibt es Marmelade und Schnaps zum Probieren (und kaufen). Die Kirche ist teilweise renoviert, die Wehrmauer intakt. Hier gibt es noch eine aktive Gemeinde, auch Maria, die wir am Ende noch persönlich kennenlernen durfte, spricht fließend und akzentfrei deutsch.

Nun war es mittlerweile gegen 15 Uhr. Wir entschlossen uns zur Abwechslung nach Hohe Rinne / Paltinis zu fahren, um dort etwas spazieren zu gehen. In teilweise engen Serpentinen ging es den Berg weit nach oben. Auch hier erinnerten uns die Hänge und die Bewaldung an die Alpen bis ca. 1500 Höhenmetern. Kurz vor Paltinis fanden wir einen kleinen Kinder-Vergnügungspark mit Hüpfburg und Streichelzoo. Kurz entschlossen bogen wir ab und lernten einen Böblinger mit Herrmannstadter Wurzeln kennen, der vor 3 Jahren zurück gekehrt ist und sich um die Anlage kümmert. Es war wie immer ein abwechslungsreiches Gespräch und angenehmer Austausch. Die Kinder amüsierten sich derweil auf dem Trampolin und bei der Sommerrodelbahn.

Nachdem sich die Kinder ausgetobt hatten, führte uns der Weg auf ein Teilstück, das wir noch vom ersten Tag in Herrmannstadt kannten. Dieses Mal hatten wir allerdings noch Zeit in Heltau anzuhalten. Es handelt sich um eine sehr schön renovierte Stadt mit einer Fußgängerzone. Leider ist auch hier – wie in so vielen Orten – nicht so viel “los”. Aber im Gegensatz zu anderen Orten, in denen liebevoll ein Platz in der Ortsmitte, ggf. sogar mit Spielplatz und Brunnen, angelegt wurde, jedoch sich kaum einer aufhält, wirkt dieser Ort in der Anordnung und Fassadengestaltung fast schon deutsch. Wir suchten den Eingang zur Kirchenburg, die hier im Zentrum der Altstadt steht. Es gelang uns noch in den letzten 15 Minuten der Öffnungszeit rein zugelangen. So fanden wir eine außergewöhnlich schön renovierte Kirche vor, deren Wehrgang noch nahezu in Takt ist, dazu sind die Wege mit Blumen gesäumt. An einer Seite wurden im Laufe der Jahrhunderte der Bereich zwischen ersten und zweiter Stadtmauer überbaut und Ladengeschäft und Wohnungen gebaut. Auf der anderen Seite sind liebevolle Gemüse- und Blumengärten angelegt. Interessanterweise sind auch hier Wohnhäuser auf die Mauer gebaut mit dem Ausgang in den Innenbereich der Kirchenburg. Auch hier trafen wir perfekt deutsch sprechende Menschen. Ein Kleinod der Erholung und wunderschön!

Voll getränkt mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen fuhren wir nach Hause ins Hotel. Dort begann das große Packen und Sortieren. Am Ende war alles rechtzeitig fertig bis wir im strömenden Regen zu unserem Abendessen ins Hinterhaus liefen. Unerwarteter weise gab es ein Candle-Light-Dinner, allerdings bei einer LED-“Öllampe”, denn aufgrund des Gewitters fiel der Strom für über eine Stunde aus. Wir ließen es uns gut schmecken, denn hungrig waren wir alle an diesem Tag geworden.